Alte Deutsche, Neue Deutsche?

Ist man in Karlsruhe einheimisch, weil man beim Bürgeramt gemeldet ist oder erst wenn man badisch spricht und Maultaschen isst? Ist man deutsch, wenn man einen deutschen Pass hat oder erst, wenn man auch die deutsche Nationalhymne mitsingt, offenkundig pünktlich ist und pflichtbewusst den Müll trennt? Wer ist schon ein alter Deutscher, wer ist noch eine neue Deutsche und wer ist noch dabei überhaupt erst „deutsch zu werden“? Einheimisch sein – wer war es, wer ist es und wer wird es einmal sein – und welche Relevanz hat „Deutsch sein“ im Einwanderungsland?

Diesen Fragen (und noch vielen mehr!) geht die Ringvorlesung “Alte Deutsche, Neue Deutsche. Einheimisch sein im Einwanderungsland?” der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe genauer auf den Grund. Noch bis zum 5. Februar gibt es immer montagabends von 18:15 Uhr bis 20:00 Uhr anhand bunter Vorträge, riskanter Streitgespräche, kabarettistischer Einlagen und der Vorführung einer Filmemacherin Einblicke in wissenschaftliche, künstlerische und zivilgesellschaftliche Einschätzungen dieses Themas.

Frau mit Plakat
(Bild: Tilmann Binz)

Dabei versucht Gökay Sofuoğlu von der Türkischen Gemeinde in Deutschland in seinem Vortrag die türkische Community zwischen Erdogan-Populismus und Diskriminierung zu verorten. Warum sympathisieren die in Deutschland lebenden Türken so zahlreich mit Erdogan während die Bevölkerung in der Türkei ernste Demokratiedefizite befürchtet und inhaftierte Deutsche stark verurteilt?

Sheila Mysorekar von den Neuen Deutschen Medienmachern setzt sich unter dem Titel „Bilder im Kopf – die mediale Konstruktion des ‚Fremden’“ mit kulturellen Stereotypen, Vorurteilen und rassistischen oder islamophoben Mediendarstellungen. Prof. Dr. Maureen Maisha Auma probiert sich an einer Erklärung der steigenden Demokratie-Ablehnung im Kontext feministischer Rassismuskritik und der Bedeutung der, in der Aufklärung als ‚Andere‘ bezeichneten Migranten für unsere gegenwärtige Plurale Gesellschaft. Von Irene Tröster wird die Aussiedlerzuwanderung in den 1990er Jahren in den Blickt genommen – denn für das Verständnis der Gegenwart, hat immer auch die Vergangenheit eine Relevanz. Wie beeinflussen kulturelle Stereotype unsere Wahrnehmung – wie leicht lassen wir uns von unbewussten Bildern im Denken leiten? Und wie werden wir dabei durch die oft vorurteilsbelastete und neutralitätsmissende Berichterstattung der Medien beeinflusst? Welche Auswirkung hat rassistische und islamophobe Wortwahl auf Überzeugungen und Auffassungen unserer Gesellschaft?

Und davon abgesehen – wo sind eigentlich die Grenzen der Aufklärung in der Ära von Trump, Brexit, Pegida und FPÖ? Die Ablehnung demokratischer Institutionen wie der Vorwurf einer Lügenpresse und Fake News und Eskalationen im gesellschaftlichen Umgang miteinander sind mittlerweile keine Neuheit mehr. Die Auflösung der Diskussionskultur durch Soziale Medien als neue Kampfformate nimmt zu – wohin droht diese Entwicklung zu treiben?

Unübersehbar stehen viele Fragen und Antworten noch bevor – einige wurden im Rahmen der Ringvorlesung indes aber auch schon gegeben. So hat der Kabarettist Fatih Çevikkollu als eine erste Reaktion auf die Frage des „Einheimisch Seins“ bereits den Terminus des „Deutschseins“ amüsant in die Mangel genommen – alles getreu seines Mottos „Wer die Wahrheit verhandelt, muss die Anderen zum Lachen bringen, sonst bringen sie ihn um!“. Und dass „Deutsch sein“ noch lange nicht „Deutsch sein“ bedeutet, sondern Religion, Sprachkenntnisse und das Äußere eine entscheidende Rolle in der wertenden Beurteilung der Gesellschaft spielen, wurde in Ruta Yemanes Vortrag zur ethnischen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt eindringlich deutlich…

…doch ist noch lange keine eindeutige Antwort gefunden; falls es überhaupt je zu einer klaren Auflösung kommen wird. Die „Ermittlung“, welche Relevanz „Deutsch Sein“ im Einwanderungsland hat; wer „neuer Deutscher“, „alte Deutsche“ und wer „Einheimisch“ ist oder werden kann, bedarf also noch einiger Investigation – habt daran teil!

Immer montags zur Primetime um 18.15 in der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe Gebäude 2, Raum A.020 – der Eintritt ist kostenlos. Noch mehr Infos zu den einzelnen Vorträgen und Informationen gibt es hier:
https://www.ph-karlsruhe.de/aktuelles/detailansicht/article/23-oktober-2017-start-der-ringvorlesung-alte-deutsche-neue-deutsche-einheimisch-sein-im-einwand/?no_cache=1&cHash=4bc8738aeea3b3faa4a3730140357caf

Lisa Brunkhorst